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Virtuelle Welt SecondLife


Die Welt ist ein Dorf geworden. Nirgendwo wird das deutlicher als in SecondLife (SL). Es handelt sich um eine Internet-Parallelwelt in 3D-Grafik, die komplett von ihren Bewohnern gestaltet wird. Jeder Mitspieler erhält einen digitalen Stellvertreter (Avatar), dessen Aussehen, Form, Kleidung usw. beliebig geändert werden kann. Mittlerweile bevölkern über 6,5 Millionen dieser Avatare aus aller Herren Länder der Welt größte Onlinesimulation. Seit Beginn des Jahres wird SL von den Medien wie die Sau durchs Dorf getrieben. Der Spiegel widmete SL einen Leitartikel, viele weitere Zeitungen, Magazine, RTL, SAT1, und der wissenschaftliche Dienst des deutschen Bundestag beschäftigten sich ebenfalls mit SL.

Anlass für Schwulst sich in SL umzusehen und die zahlreichen schwulen und lesbischen Locations aufzusuchen. Gleich zu Beginn der Recherche gründete Schwulst seine SL-Onlineredaktion in der damaligen deutschen Schwulencommunity „Boys World“. Die bot alles, was uns heimisch fühlen ließ: damals 2 Discos, einen Darkroom, Shoppingmöglichkeiten, einen Swiming Pool, die AIDS-Hilfe Bremen und nette Bewohner, zum Teil aus Stuttgart und Umgebung. An der Formulierung „damals“ kann man sogleich eine der Hauptmerkmale der SL-Orte erkennen: schnelle Veränderung. Hier wachsen die virtuellen Tummelplätze für Schwule und Lesben so schnell aus dem Boden und verschwinden wieder, dass einem schwindelig wird. Das abgebildete SL-Büro ist schon Geschichte und aktuell sucht Schwulst neue Räume in SL.

Was aber bietet SL uns Schwulen und Lesben? Natürlich die schon genannte kaum mehr überschaubare Anzahl an Discos, Bars, Shoppingmalls und – allem voran – Sexrooms und Dungeons. Unzählige Locations haben wir angesehen und mit Verwunderung festgestellt, dass die meisten gähnend leer sind. In mehreren Lesbendiscos habe ich über viele Tage hinweg keine Menschenseele angetroffen. Auch an so interessanten Orte wie dem „AIDS Memorial Center“, „Province Town“, „L-Word“ oder „Women of The World“ herrscht Leere. Ganze „SL-Städte“, die unter der Regenbogenfahne stehen, zeichnen sich in erster Linie dadurch aus, dass dort niemand ist. Wie kann das sein? Bei 6,5 Millionen Mitgliedern müssten doch rein rechnerisch etwa eine halbe Millionen Schwule und Lesben vertreten sein, oder ? Weit gefehlt. Dem aufmerksamen Benutzer fällt schnell auf, dass so gut wie nie mehr als 45.000 User zeitgleich online sind. Und zwar gänzlich unabhängig von der Tageszeit. Allerdings stellt sich das angesichts der technischen Probleme, die der Betreiber „Linden Lab“ hat, als Glück heraus. In SL ist die Trägheit des Systems beim Aufbau der Grafiken, selbst bei guter Grafikkarte und schneller DSL-Verbindung, mittlerweile ein geflügeltes Wort: „es lagt mal wieder“ oder „system is laging“ heißt es dann, wenn der Avatar wieder einmal in grauem, teigigem Nebel oder gleich im Boden versinkt und die schöne bunte SL-Welt ein unerfülltes Versprechen bleibt. Eine Faustregel in SL lautet: je mehr Mitspieler sich „Inworld“ befinden, desto langsamer wird das System.

Angesichts der allgemeinen Leere in SL und des Umstandes, dass die Technologie nicht gerade „state of the art“ ist, stellt sich die Frage, ob der aktuelle SL-Hype in erster Linie das Ergebnis einer außerordentlich gelungenen Marketingstrategie ist. Darüber würde sich nachzudenken lohnen.

Aber, um der Wahrheit die Ehre zu geben, gibt es natürlich Locations, an denen der schwul/lesbische Bär tobt. Für uns Lesben ist das zuvorderst die Insel Lesbos mit Strand, Dampfsauna, der obligatorischen Shoppingmall, BDSM-House, Schwimmgrotte und anderem oder der Sexroom „Kittens Lesbian Erotica“. Für Schwule ist als Treffpunkt die Disco „Devil Inside“ angesagt. Dort kann man Leute aus aller Herren Länder treffen, seinen Avatar mithilfe von Animationen tanzen lassen und sich mit etwas Glück mit anderen Spielern austauschen. Wer jetzt denkt, hier endlich wird das Tor zur weltweiten Kommunikation geöffnet sieht sich in den meisten Fällen enttäuscht. Zwar wird vom Gesprächspartner meist sofort Freundschaft angeboten, was zur Folge hat, dass man den Onlinestatus des Mitspielers sehen kann, jedoch haben wir die meisten „Freunde“ nie wieder gesehen, geschweige denn mehr als einmal mit ihnen gesprochen. Überhaupt enden die meisten Versuche sich – mehr oder minder Englisch radebrechend - zu unterhalten, in eindeutigen Angeboten zum Onlinesex. Wer darauf keine Böcke hat, dem laufen die meisten Gesprächspartner schnell weg. Wir vermuten, dass die Ablehnung sogleich das Streichen aus der Freundschaftsliste zur Folge hat.

Das mit dem Sex ist überhaupt so eine Sache in SL. SL ist voll von Sexrooms oder Dungeons, die den Spielern allerlei kostenlose Animation für jede nur erdenkliche sexuelle Spielart zur Verfügung stellen. Zudem gibt es Kaufhäuser in denen jeder Spieler angefangen von Genitalien, Animationen, Sounds oder sonstigen Spielzeugen so ziemlich alles kaufen kann wonach ihm der Sinn steht. Wundert es jemanden, dass diese Orte generell zum Bersten voll sind ? Ach ja, für Programmierer und Scripter liegt im diesem Marktsegment viel Geld auf der virtuellen Straße. Überhaupt ist SL gerade für Leute interessant, die scripten und programmieren können und gerne gestalten. Das ist die Stärke von SL. Wer immer will und kann, kann sich eigene Städte, Inseln oder was immer ihm einfällt bauen. Im Bereich des Programmierens, des Immobilienmarktes, der Sex-Szene und bei den Glücksspielen birgt SL tatsächlich die Möglichkeit echtes Geld zu verdienen.\r\nFazit: Wenn man nicht zu den Gestaltern gehört, ist das schwul/lesbische Leben in SL nach der ersten Begeisterung und Neugier eher öde. Positiv ist sicherlich, dass Stellen wie die AIDS-Beratung in SL gänzlich anonym angelaufen werden können und sich allerlei Selbsthilfegruppen in SL gegründet haben, denen man bei Berührungsängsten im realen Leben quasi anonym beitreten kann. Davon abgesehen wird einem das SL-Leben innerhalb seiner gewohnten schwul/lesbischen Zusammenhänge schnell langweilig. Da ist das reale Leben allemal besser.

Wirklich spannend ist SL da, wo wir unsere gewohnten Zusammenhänge verlassen und Subkulturen besuchen mit denen wir im realen Leben keine oder wenig Berührungspunkte haben. Hier kann SL Einblicke in die unterschiedlichsten Themen angefangen bei Religion, Sekten, Politik, Wirtschaft bis hin zur wissenschaftlichen Fragen bieten. Da gibt es Skurriles, Er- und Abschreckendes, Phantasievolles und nachdenklich Stimmendes.

SecondLife Sex


Keine Frage, in SL hat der Sex ebenso wie im realen Leben (RL) einen hohen Stellenwert. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass wir in SL Angebote jeglicher Couleur finden. Die Problematik besteht – insbesondere für Lesben – darin die kommerziellen Schmuddelangebote von denen zu unterscheiden, die in einem weitgehend geschützten Rahmen stattfinden.

Man muss eins wissen: in SL kommen unsere Avatare ohne Genitalien auf die Welt. Also stehen wir zunächst vor der Herausforderung sie entsprechend auszustatten. Da wir in unseren ersten Tagen leider über wenig bis keine finanziellen Mittel verfügen, tun wir gut daran auf den Ankunftsinseln nach den entsprechenden „Freebies“ Ausschau zu halten. Freebies sind kostenlose Gaben wie Kleider, Animationen, allerlei Accessoirs usw. Sollte man auf den Inseln nicht fündig werden, gibt es Freebies auch an vielen Orten außerhalb der Welcome-Inseln. Einfach in der Suche „Freebies“ eingeben.
Später können wir in einem Shop unsere Freebie-Erstausstattung gegen eine qualitativ und funktionell höherwertige austauschen. Einen sehr guten Shop gibt es in Provincetown, einer großen Gaycommunity. Xcite! Provincetown

Nun kann es eigentlich losgehen. In SL finden wir an den einschlägigen Orten wie Discos, Darkrooms, Clubs, Saunen oder in Private Rooms sogenannte „Pose Balls“, kleine runde Bälle mit einer kurzen Beschreibung, die über Stühlen, Betten, Liegen usw. schweben. Wenn man diese Objekte berührt übernehmen die dahinter versteckten Programme die Steuerung unserer Avatare und animieren sie. Angefangen vom einfachen Flirten, über Küssen bis hin zu allen denkbaren sexuellen Praktiken ist so ziemlich alles möglich.

Neben den Poseballs gibt es die Sexbeds, die nach dem gleichen Prinzip funktionieren. Die dritte Möglichkeit sind Animationsprogramme, die entweder als Freebies oder in Shops zum Kauf angeboten werden. Dabei handelt es sich um freie Animationsprogramme, die man in sein Inventory (eine Art virtueller Rucksack) packen kann, um sie bei Bedarf heraus zu holen und zu nutzen. Der Vorteil liegt darin, dass sie auch ohne Zugriff auf einen Poseball jederzeit und ortsungebunden genutzt werden können.

Über den Sinn und Zweck von Sex in SL ließe sich sicher trefflich philosophieren und diskutieren. Aber gleichgültig welcher Ansicht man dabei ist, gilt letztlich eins: man kann es tun oder man kann es lassen. Die Entscheidung trifft jeder für sich selbst.

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