Die älteste bekannte Bearbeitung ist vom 2008-03-03 00:42:47 von DerRian []
Page view:
Prädikat „GIFTIG!“ – Schwule und Blutspende
von Rian für Schwulst, Ausgabe 62, September 2003
„Tinte gibt es im Kaufhaus, Blut nicht“. So steht es in der ganzen Stadt auf Plakaten des Roten Kreuzes geschrieben. Das Katharinenhospital hat haushohe Plakate mit der Aufforderung zur Blutspende an seiner Fassade, und Burger-King wirbt mit Gratiswhopper für Blutspender. Der Eindruck des Blutkonservenmangels entsteht unweigerlich und subtil wird mit der Vermittlung eines schlechten Gewissens, wenn man nicht Blut lässt, versucht, Spender zu ködern. Auf der anderen Seite stehen wir Schwulen, die gleich präventiv mit dem Prädikat „giftig“ versehen werden und nicht zur Blutspende zugelassen werden.
Von der Blutspende sind Angehörige einer Risikogruppe ausgeschlossen. Dies sind neben Drogenabhängigen und Prostituierten eben auch grundsätzlich homosexuelle Männer.
Warum sind Schwule von der Spende ausgeschlossen?
Doch bevor sich deshalb Unmut über das Rote Kreuz breit macht: Diese Regelung ist keine Idee des Roten Kreuzes oder der anderen Blutspendedienste. Es handelt sich um ein Gesetz, für dessen fachlich-inhaltliche Ausgestaltung die Bundesärztekammer und das Paul-Ehrlich-Institut verantwortlich sind.
Es steht außer Frage, dass man das Risiko für den Empfänger einer Blutspende so gering wie möglich halten soll. Es ist auch sinnvoll, Personen mit häufig wechselnden Sexpartnern auszuschließen, da hier grundsätzlich ein erhöhtes Risiko besteht. Es wird zwar jede Spende untersucht, aber vor allem kurz nach der Infektion kann der Erreger im Blut noch nicht zuverlässig nachgewiesen werden. Allerdings dürfen nur die Heteros frei entscheiden, ob sie zu häufig ihre Sexualpartner wechseln. Schwule haben aber das Pech, grundsätzlich ausgeschlossen zu werden, auch wenn ein kerngesundes schwules Paar seit Jahrzehnten monogam lebt.
Empfängerschutz geht vor
Wir haben deshalb beim Paul-Ehrlich-Institut und bei der Bundesärztekammer nachgefragt, ob diese Regelung, die vor vielen Jahren, als die Testverfahren noch lange nicht so ausgereift wie heute waren, nicht überdacht und überarbeitet werden müsse, zumal Studien von 1993 (Bundesgesundheitsamt Berlin) und 2003 (Anja Preuß. Leipzig) vorliegen, die eine Anpassung sinnvoll erscheinen lassen, da dieses Pauschalrisiko so nicht mehr gesehen werden kann. Von beiden Institutionen bekamen wir eine sehr ausführliche Antwort, in der uns noch einmal bestätigt wird, dass der Schutz der Empfänger die oberste Priorität besitze und daher Menschen ausgeschlossen werden, die ihrerseits ein erhöhtes HIV-Infektionsrisiko haben. Dörte Ruhaltinger vom Paul-Ehrlich-Institut erläuterte, dass viel mehr Personengruppen pauschal ausgeschlossen werden, und es sich um keine Diskriminierung handle, sondern um reine Prophylaxe. Um dies zu verdeutlichen, führte sie an, dass auch Personen von der Blutspende ausgeschlossen sind, die zwischen 1980 und 1996 mehr als 6 Monate in Großbritannien waren, weil ein hypothetisches Risiko zur Übertragung der Creuzfeld-Jakob-Krankheit bestehe.
Hans-Jörg Freese von der Bundesärztekammer wies auch auf den „AIDS-Skandal“ Ende der 80er Jahre hin, als Blutempfänger durch Spenden infiziert wurden. Eine Wiederholung wolle man auf jeden Fall vermeiden. Was auch vollkommen verständlich ist. „Jede einzelne Blutspende wird sorgfältig auf HIV untersucht. Die heutzutage verwendeten Tests sind äußerst zuverlässig, dennoch gibt es eine Schwachstelle: die sog. diagnostische Fensterphase,“ erklärt Freese. „Dieser Begriff beschreibt die Tatsache, dass nach einer Infektion mit HIV eine gewisse Zeit vergeht, bis der Körper die Abwehrstoffe (Antikörper) bildet, die in den Tests nachgewiesen werden können. Eine ganze Reihe von Spendediensten setzt auch schon einen direkten Virusnachweis mittels PCR ein, aber auch dieser Test kann die Fensterphase nur verkürzen, aber nicht beseitigen“, so Freese weiter.
Beide beteuerten, dass es sich um keine Diskriminierung handle, sondern ausschließlich um den Schutz der Empfänger, und um diesen zu gewährleisten, schließe man lieber große Gruppen pauschal aus, als ein Risiko einzugehen.
So viel also zu den Richtlinien. Beim Robert-Koch-Institut (Abteilung für Infektionsepidemiologie), das mit den Richtlinien direkt nichts zu tun hat, fragten wir ebenfalls nach, wie die Wissenschaft unser Problem sehe. Auch hier bekamen wir eine sehr freundliche Antwort, doch leider auch kein Verständnis für unser Anliegen, wie die Heteros selbst entscheiden zu dürfen, ob wir ein Risiko sind. „Der Ausschluss von ganzen Personengruppen mag daher pauschalisierend erscheinen und berücksichtigt nicht das individuelle Risiko. Eine individuelle Befragung, insbesondere nach sexuellen Gewohnheiten (Zahl der Partner, Praktik) würde jedoch sehr weit in die Privatsphäre der Spender eingreifen und ist im Rahmen einer Blutspende nicht angemessen. Die Selbsteinschätzung, ob das jeweilige Sexualverhalten risikobehaftet ist, ist schon deshalb nicht verlässlich, weil sie abhängig von der persönlichen Einschätzung vorgenommen würde, die ja sehr unterschiedlich sein kann“, erklärte Dr. Ruth Offergeld.
Dass Schwule selber entscheiden können, ob sie zu häufig wechselnden Geschlechtsverkehr haben, wie es für die Heteros selbstverständlich ist, wird wohl noch viele Jahre dauern. Traurig aber, dass man den Heteros diese Kompetenz zugesteht. Und das ist genau die Tatsache, die uns an der ganzen Situation stört.
Blutspenden von Schwulen im Ausland
Aber wie ist das bei unseren Nachbarn? In Italien waren Schwule ebenfalls von der Blutspende ausgeschlossen, doch durch eine Reform wurde dies im Jahre 2001 geändert. Seit Anfang 2001 dürfen dort auch Schwule den roten Saft des Lebens spenden. Und wie wirkte es sich aus? Die Zahl der infizierten Spenden ging von 2000 auf 2001 sogar leicht nach unten (von 2,2% auf 2,1%), dafür steigerte sich die Zahl der Spenden von 1.615.877 um fast 20% auf 1.910.430. In Italien scheint es also zu funktionieren.
Und seit einem halben Jahr kann in spanischen Militärkrankenhäusern ebenfalls von Schwulen Blut gespendet werden. Das Verbot von Blutspenden homosexueller und bisexueller Menschen sei altmodisch, falsch und überholt und würde zukünftig erlaubt, so das spanische Verteidigungsministerium. Allerdings erst, nachdem die ausgegrenzte Randgruppe lauthals protestierte. Doch dieser Kampfgeist scheint in Deutschland nicht zu herrschen.
Was sagen die Blutspendedienste?
Weiter interessierte uns auch, wie die Blutspendedienste die Situation sehen. So fragen wir beim Deutschen Roten Kreuz in Berlin nach. In der Anfrage schrieben wir, dass uns bekannt sei, dass das Rote Kreuz nicht für den Ausschluss verantwortlich sei, sondern nur die Gesetzte befolge, aber dass es uns interessiere, ob sie generell Bedenken hätten, Schwule zur Blutspende zuzulassen oder ob sie es vielleicht sogar begrüßen würden, die Richtlinien so zu ändern, dass Schwule selbst entscheiden können, ob sie ein Risiko darstellen, wie es bei den Heteros üblich sei. Als Antwort bekamen wir jedoch nur, dass sie nicht für diese Kriterien verantwortlich seien. Diese Information ist äußerst bemerkenswert, war dieser Informationsgehalt doch schon in der Anfrage enthalten. Auf eine erneute Anfrage reagierte man schon gar nicht mehr. Auch die Homepage des Roten Kreuzes bietet einige Schmankerln: So kann man dort den Satz lesen „Grundsätzlich kann jeder gesunde Mensch Blut spenden.“ Da Schwule nicht spenden dürfen, ist nun nur noch zu klären, ob das Rote Kreuz Schwule generell als krank ansieht, oder ob wir gar nicht als Menschen gelten. Doch auch eine Stellungnahme zu dieser Frage war nicht zu bekommen. Aber das Forum auf der Seite eignet sich gut, die Einstellung des Roten Kreuzes zu Schwulen grob zu erfahren.
Also fragten wir noch im Katharinenhospital in Stuttgart nach. Hier gab es wieder eine freundliche Auskunft, aber auch hier hörten wir wieder, dass der Schutz der Empfänger im Vordergrund stehe. Prof. Dr. Udo Sugg vom Katharinenhospital: „Ich hätte dann, wie jeder Vernünftige, keinerlei Bedenken, schwule Männer zur Blutspende zuzulassen, wenn wissenschaftlich zweifelsfrei fest stehen würde, dass zwischen Homosexuellen und nicht homosexuellen Männern hinsichtlich der beiden eingangs erwähnten Größen (Anti-HIV-Prävalenz und HIV-Inzidenz) keine signifikanten Unterschiede mehr bestehen.“
Gemütliches Zurücklehnen ohne schlechtes Gewissen
Somit kann man nur sagen, dass in Deutschland noch viel Zeit vergehen wird, bis wir in dieser Hinsicht gerechter behandelt werden. Wir wollen auch das Blutspenden an sich nicht schlecht machen, denn Blutkonserven werden dringend benötigt, aber euch zu raten, spenden zu gehen, können wir auch nicht, wir Schwulen dürfen ja alle nicht. Lehnen wir und deshalb gemütlich zurück. Vielleicht ist es ja auch ein Privileg, ohne schlechtes Gewissen auf Piekser verzichten zu können. Und ihr Heteros, schämt euch in Grund und Boden, wenn ihr nicht geht, denn „Büroklammern gibt es Kaufhaus, Blut nicht!“
Kategorien:
KrankenSchwester Politik