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Dick und schwul, ein Kardinalsfehler?

„Lasst dicke Männer um mich sein“, sagt Julius Cäsar in Shakespeares gleichnamigen Stück. Viele dicke Schwule werden jedoch wissen, dass dieser Wunsch nicht in allen lodert. Als Dicker hat man in der Schwulenszene nicht die besten Voraussetzungen. Einige schwule Clubs braucht man gar nicht erst zu besuchen, wenn man sich das Gefühl, fehl am Platz zu sein, ersparen möchte. Schönheitswahn und Körperkult dominieren weite Teile der schwulen Szene; für Dicke (oder auch andere, die aus dem hippen Durchschnitt fallen) scheint es keinen Platz zu geben. Schräge und abschätzige Blicke, Beleidigungen, und Witze wird jeder Dicke kennen, der gelegentlich sein Haus verlässt. In der modebewussten und auf Aussehen bedachten schwulen Szene ist dies noch wesentlich schlimmer.
Weniger brummig als die Durchschnittsschwuppe bezüglich Übergewichts ist die immer beliebter werdende und wachsende Bärenszene. Zwar ist für einen Bären eher ein dichter Pelz auf Brust und gegebenenfalls auch Rücken das A und O, doch ist man hier einem Bäuchlein nicht zwangsläufig total abgeneigt. Als dicker, kaum bis wenig behaarter Schwuler, der selber auch nicht auf all zu haarig steht, findet man aber auch dort nicht unbedingt die Erfüllung; den Bärenliebhabern ist man zu nackt, und den Traumprinzen findet man (zumindest unter optischen Gesichtspunkten, wenn man nicht auf „Bär“ steht) auch nicht unbedingt. Nicht wenige schwule Dicke verkriechen sich daher auf Ihrer Couch, fest davon überzeugt, sowieso weder Partner noch Sexdate zu finden.
„Schwere“ Fremdwörter
Chub: Ein dicker Schwuler, das Beuteraster des Chasers. Steht selber entweder auf Chaser, oder auf andere Chubs (chub4chub).
Chaser/Admirer: Ein schlanker Schwuler, der auf Dicke abfährt. Er fällt selber oft auch in das Beuteraster vieler Schlanker, lässt diese aber vielfach „abblitzen“.
Cub: Ein junger und/oder schlanker Bär.
Girth & Mirth: Englisch etwa „füllig und fröhlich“, und die Bezeichnung für Clubs von Chubs und Chasern.
Bär: Schwuler mit Flokati auf Brust, Arm, Bein und/oder Rücken. Ein Bäuchlein ist nicht ausgeschlossen.
Gainer: Eine Person, die zunehmen möchte und unter Umständen gemästet werden will. Diese kann entweder schlank oder aber bereits dick sein.
Feeder: Der Feeder mag es, andere dick(er) zu machen. Mästen kann als sexueller Kick auftauchen.
Encourager: Ähnlich wie der Feeder ist auch der Encourager nicht gegen Gewichtszunahme beim Objekt seiner Begierde, unterstützt die Zunahme eher durch gutes Zureden als durch aktives Füttern.
Doch innerhalb der schwulen Szene gibt es viele Gruppierungen: Lederfreunde, Gummikerle, Technoboys, Sadomasochisten, usw. Warum sollte es keine Gruppierung für Dicke geben? Für viele Dicke ist dieser Gedanke sehr abwegig. Warum sollte jemand auf Fettpolster stehen? Und falls es doch einen Mann geben sollte, der den King-size-Bauch duldet, ist das ein Freak oder einer, der sonst keinen anderen abkriegen würde? Ich höre schon viele Leser sagen: „Die sollen halt abnehmen, wenn sie so unglücklich sind.“ Wenn es so einfach ginge, wäre das sicher die Lösung der Probleme, und die Meisten wären gar nicht erst dick. Doch wer nicht selber in der Situation war, kann da nicht mitreden, auch wenn „die Schlanken“ das nicht verstehen werden.
Dass es schlanke, gutaussehende Boys und Männer gibt, die total auf Dicke stehen, wissen viele Schwule nicht – ja, können es sich nicht einmal vorstellen. Dabei gibt es dies viel öfter als man denkt: attraktive, durchtrainierte Boys, oft sogar mit sexy Waschbrettbauch, die nur auf Dicke stehen. Diese trifft man in der sogenannten Chub- und Chaserszene. Dabei steht der Chaser (schlank) auf Chubs (dick). Der Chub im Gegenzug auf Chaser, oder aber selber auf Chubs (chub4chub).
Die Existenz attraktiver Typen, die auf Dicke stehen, ist in der schwulen Szene nicht nur kaum bekannt, sondern oft sogar ein Tabu. Viele Chaser trauen sich häufig nicht, vor Ihren Freunden und Familien zuzugeben, dass sie auf Dicke stehen. Schwul zu sein ist eine Sache – aber auch noch auf Dicke?! Chaser sprechen regelrecht von einem doppelten Outing. „Der könnte doch jeden haben“, denken viele, und Chaser beklagen sich entsprechend, dass andere Schlanke nicht verstehen wollen, dass sie keine Chancen haben.
Während der Chaser mit der Strategie „wenn er ein Bäuchlein hat, ist er ein Chub“ recht einfach den Herren seiner Begierde finden kann, tut sich der Chub dabei schon viel schwerer – Vorlieben sieht man einem nun mal nicht an, und lange nicht jeder Schlanke ist (wie wir wissen) ein Chaser.

Einen Nicht-Chaser anzusprechen ende oft mit üblen Beschimpfungen, wie ein Chub im Gespräch erzählte. Die Kontaktaufnahme ist für den Dicken also wesentlich schwerer. Aber auch der Chaser hat es nicht gerade sehr einfach: Viele dicke Schwule können sich nicht vorstellen, dass jemand wirklich auf sie abfährt, und fühlen sich vielleicht sogar verarscht; haben Probleme zu akzeptieren, dass jemand auf sie steht wegen etwas, das sie selber an sich ablehnen. Im Vergleich zu anderen Gruppierungen ist hier das Verhältnis für beide Seiten etwas schwieriger. Während man z.B. als Gummifreund willentlich der Gummiszene beitritt, so sind viele Dicke ohne eigenes Zutun, also zwangsläufig, Teil der Chub-/Chaserszene, und daher nicht unbedingt der ganzen Sache wirklich aufgeschlossen, bzw. sehr gehemmt und schüchtern. Aber natürlich gibt es auch eine große Anzahl Chubs, die sich damit pudelwohl fühlen.
Das ganze gibt es auch noch eine Stufe weiter: Einige wollen absichtlich zunehmen, gemästet werden, und suchen hierfür das passende Gegenstück, den so genannten Feeder. Selbst unter „gewöhnlichen“ Chubs wird diese Vorliebe oft kritisiert, da sie in vielen Fällen die gewonnenen Reize durch Gesundheitsrisiken wieder aufwiegt. Diese Kritik wird jedoch hinfällig, wenn man bedenkt, dass sich sexuelle Vorlieben nicht aussuchen lassen – oder würdest du es mit Frauen probieren, wenn du erfahren würdest, dass schwuler Geschlechtsverkehr das Herzinfarkt-Risiko erhöht?
Auch wenn sich die Ästhetik fülliger Körper nicht jedem erschließt, für die Liebhaber rubenshafter Schönheiten gibt es jede Menge Augenschmaus: vom Chub-Porno über Sex- und Anzeigenmagazine bis zu Hochglanz-Fotobänden, Zeichnungen und Malereien mit künstlerischem Anspruch, wie zum Beispiel vom Stuttgarter Künstler Sven Oliver (siehe Abbildung).
Für viele Dicke öffnet sich nach der Erkenntnis, dass auch sie begehrenswert sind, eine ganz neue Welt. Immer wieder bekennen sogar Dicke, dass sie nach der Überwindung dieser Schwelle regelrecht eine Zuneigung zu ihrem Körperbau entwickelt haben.
Wir möchten mit diesem Artikel alle dicken Schwulen ermutigen, sich nicht in ihren Wohnungen zu verkriechen. Geht raus und lasst euch von hübschen Chasern anbaggern, seid fruchtbar und mehret euch - oder so ähnlich halt. Den Chasern möchten wir raten, auf die Chubbies zuzugehen, denn so herum ist es deutlich einfacher. Und alle anderen bitten wir um mehr Verständnis und Toleranz. Man kann niemandem vorschreiben, auf welchen Typ er zu stehen hat, aber Beleidigungen gegen Dicke sind sicherlich nicht notwendig. Die Regenbogenflagge steht für Vielfalt und Toleranz, leider sind oft die Fahnenschwinger intolerant in der eigenen Szene.
Bei Fragen steht
der Autor gerne zur Verfügung.
Ausgabe 74,
DerRian, Kategorie:
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